Unser zweiter Besuch in Argentinien, welches für nur eine Reise viel zu groß und viel zu schön ist, führte uns in die wohl bekannteste Gegend des Landes. Patagonien ist mit seinen ca. 766.000 Quadratkilometern etwa zweimal so groß wie Deutschland, aber mit ca. 1 Million Einwohnern nur sehr spärlich besiedelt. Aus dem Fernsehen kennen wir alle Bilder über endlos scheinende Ebenen, in denen man außer Gras, Pferden, Kühen und Schafen nur die Unendlichkeit findet.
Doch Patagonien hat außerdem noch sehr viel mehr zu bieten - tausende Kilometer Atlantikküste, gigantisch große Tafelebenen, riesige Gletscher und tolle Skigebiete, wunderschöne Seenketten, wildromantische Berglandschaften und eben auch die atemberaubenden Grasebenen. Für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer ist in diesem Teil Argentiniens einfach alles zu groß geraten, riesig und überdimensioniert. Aber grade dies macht die Faszination aus, die man während einer Reise durch Patagonien, das immerhin ein Drittel Argentiniens ausmacht, nicht mehr los wird. Vielleicht träumt gerade deswegen jeder vierte reiselustige Deutsche von einer Reise dorthin, nur wenige trauen sich jedoch in diese so außergewöhnliche Gegend.
Es gibt für Patagonien eigentlich keine klassische Reisezeit - alle Jahreszeiten habenihren Reiz, es ist ganz besonders hier eben nur eine Frage der richtigen Kleidung. Die Besucher kommen von Januar bis März an die Küsten zum Baden, von April bis Juni zum Reiten und Jagen, von Juli bis September zum Skifahren und von September bis November zum Tiere beobachten. Wir haben uns für die Reisezeit Oktober entschieden - normalerweise ist dann in Patagonien Frühling und die riesigen grünen und erblühenden Ebenen sind für den aus dem trüben Deutschland kommenden Reisenden schon alleine ein Wohltat. Aber wir wollten natürlich, so wie die meisten um diese Jahreszeit, Tiere beobachten. Gefreut haben wir uns vor dem Flug auf die Pinguinkolonien, die Seelöwen, Seeelefanten und das Wale-Watching an der Küste, den anderen Teil der Reise haben wir erst einmal als dazugehörend empfunden. Wie sehr hatten wir uns geirrt - jeder Teil Patagoniens ist unvergesslich schön und fast unvergleichlich in seinen Ausmaßen und seiner Schönheit.
Mehrere tausend Kilometer im Auto - darüber freuten wir uns anfangs gar nicht, zumal man bequem auch überall hinfliegen könnte. Aber bald haben wir gemerkt, dass unsere argentinischen Freunde uns gut beraten hatten: dieses großartige Land sollte man nicht nur besuchen, sondern man muss es erleben und das geht am besten mit dem Auto oder dem Bus. Natürlich ist dies anstrengender und zeitraubender, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Die Argentinier sind ein sehr aufgeschlossenes und herzliches Volk: der Fremde wird hier überall freudig aufgenommen und mit liebenswerter Neugier ausgefragt. Da das Land ein klassisches Einwandererland ist, in dem die meisten vor Generationen aus Europa kamen, ist es immer ein Grund zur Freude für den Argentinier, wenn er jemanden trifft, der aus dem Land kommt, woher Großmutter oder Großvater stammen. Die Sprache ihrer Großeltern haben die meisten Argentinier verlernt - ohne spanisch (hier Castellano) und manchmal auch Englisch wird es unterwegs nicht ganz einfach. Die Sprachen der ehemaligen deutschen, italienischen, österreichischen, portugiesischen, irischen, englischen, keltischen, französischen und Schweizer Einwanderer werden zwar oft nicht mehr gesprochen, aber die aus Europa mitgebrachten Traditionen dafür um so mehr gelebt und gehütet. Dies gibt den Menschen dort einen verstaubt-eleganten Charme, in den sich jeder Reisende verliebt. Auch für uns war dieses großartige Land wunderschön - seine Menschen jedoch haben einen Reiz, der die meisten (so wie uns auch) immer und immer wieder in dieses Land zieht. Natürlich kann man nicht verhehlen, dass das Land in den letzten Jahren gewaltige wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. Seit dem Jahre 2000, in dem die argentinische Wirtschaft zusammengebrochen ist, leben große Teile der Bevölkerung an der Armutsgrenze. Trotzdem merkt der Reisende im Normalfall kaum etwas davon. Wir haben während unserer zwei Reisen in das Land insgesamt nur zwei Bettler getroffen und alles in allem drei Betrunkene am Straßenrand erlebt. Die Argentinier sind ein sehr stolzes Volk und helfen gerne. Wenn der Tourist die Wegbeschreibungen nicht versteht, die in maschinengewehrartigem Spanisch ausgesprochen werden: gut, dann wird er eben bis zu seinem Ziel begleitet. Wenn der Argentinier kein Geld für den Handwerker oder für die dringend benötigte Dachreparatur hat: gut, dann organisiert der Nachbar einen, der das Dach repariert und der wird dann, zusammen mit dem Nachbarn, monatelang bekocht. Alles in allem eine Gesellschaft, die sich zu helfen weiß und das machte uns Argentinien nur noch sympathischer.
Doch zurück zu Patagonien. Dieser riesige Landesteil, der eigentlich eine Provinz ist, wird, so wie das ganze Land, von der Hauptstadt Buenos Aires aus beherrscht. Es gibt in Argentinien zwar Provinzen, die auch pro forma von Provinzregierungen geführt werden, doch ohne ein OK aus der Hauptstadt geht in der Regel gar nichts. Dies macht vieles schwieriger, als wir es hier von unseren Bundesländern gewöhnt sind. Wegen allem muss man erst nach Buenos Aires, sogar die Flüge gehen in diesem riesigen Land nicht von einem Flughafen zum anderen, sondern fast alle nur von oder nach Buenos Aires. Daher gibt es in ganz Argentinien für den Reisenden, ähnlich wie in den USA, als Alternative die Überlandbusse. Diese sind mit ihren Schlafsitzen bequemer als jedes Flugzeug in der Touristenklasse und für unsere Verhältnisse recht preiswert. Wir haben den meisten Teil der Reise mit unseren argentinischen Freunden im eigenen kleinen Bus zurückgelegt. Für die letzten ca. 1200 Kilometer jedoch haben wir dann diese Überlandbusse ausprobiert und waren sehr angenehm überrascht: 1200 Kilometer über Nacht in ca. 14 Stunden, alle zwei Stunden eine kleine Rast, eine größere Rast zum Essen und sehr bequeme Sitze zum Schlafen und das alles für ca. 40 Euro - eine echte Alternative zum Mietwagen. Wer also Argentinien auf eigene Faust bereisen möchte, der kann dies gut und gefahrlos tun, wenn er sich seine Reiseroute vorher zusammenstellt - die Überlandbusse fahren überall hin. Ohne einen Argentinier an seiner Seite, der einem die traumhaftesten Ecken des Landes (die nicht unbedingt in jedem Reiseführer verzeichnet sind) zeigen kann, verpasst man aber eine ganze Reihe atemberaubender Naturschauspiele.
Unsere Reiseroute :
Tag 01
Abflug in Europa
Tag 02
Ankunft in Buenos Aires - Weiterfahrt nach Mar del Plata
Mar del Plata - Weiterfahrt nach Buenos Aires - Abflug nach Europa
Tag 21
Ankunft zu Hause
Unser Fazit :
Patagonien ist ebenso groß wie schön. Nicht umsonst geniesst dieses Reiseziel einen legendären Ruf. Dabei haben wir noch lange nicht alles gesehen, was den Nimbus dieser grandiosen Gegend begründet. Natürlich wollen und werden wir wiederkommen und uns den Rest auch noch anschauen.
In der Vergangenheit wollten wir immer wieder in andere Länder dieser Erde - neue Kulturen, neue Gegenden, andere Völker entdecken. Diese Lust ist uns geblieben, trotzdem wollen wir mittlerweile immer und immer wieder in unser Traumland Argentinien zurück. Für uns stellt sich daher inzwischen gar nicht mehr die Frage ob, sondern nur wann wir wieder einmal in das Land der sechs Kontinente fliegen.